Warum so ernst?

mustard jokerDer Joker war immer schon einer der archetypischsten Comicschurken. Auch wenn der Hype um den neuen Batman-Film vor allem Folge einer effektvollen Comicverfilmung und der Leistung des begabten (und leider verstorbenen) Schauspielers Heath Ledger zu verdanken ist, die Figur des Jokers hatte stets schon viel für Interpretationsjunkies zu bieten.

Der Joker war einer der ersten Gegenspieler von Batman, er geht sogar noch auf Batman-Gründer Bob Kane zurück. Die ursprüngliche und zugleich doch etwas banale Vorlage ist klar, der Joker ist der böse Clown, die Verknüpfung von Humor und Bösartigkeit, ein Zyniker in Reinkultur. Aber anders als die handelsübliche Version des Zynikers, der sich damit begnügt, den Zustand der Dinge negativ zu kommentieren, und die ganze Sache mit einer Spur Verachtung zu würzen und zu verdrehen (woraus dann so etwas wie grimmiger Humor entsteht), ist der Joker ein Zyniker in Aktion. Das ist im Grunde auch schon seit größter Widerspruch, denn die Frage stellt sich: Was sind überhaupt die Motive des Jokers? Wenn er wirklich ein Zyniker ist, wenn ihm nichts etwas bedeutet, wenn alles verarschens- und verachtenswert ist, insbesondere das Leben und die Wichtigkeiten anderer Menschen, warum sollte er dann überhaupt einen Finger rühren?

In der Tat gibt es in der Mythologie der Batman-Comics eine Reihe von Versuchen, die Figur des Jokers neu zu interpretieren. Bis in die späten Siebziger war der Joker eine Figur, die zwischen der kindlichen Tragikomik eines Clowns und der Unberechenbarkeit eines psychopathischen Kriminellen schwankte. Ein hübsches Beispiel dafür ist Steve Engleharts Geschichte „Der lachende Fisch“ (siehe Bild links) aus den späten Siebzigern, wo der Joker eher als exaltierte Popfigur auf- und mit dem ziemlich hirnrissigen Plan antritt, alle Fische mit seinem Jokergrinsen zu verzieren, um so ein universelles Fischpatent anzumelden. Der Plan scheitert klarerweise, Batman siegt, die Welt ist wieder in Ordnung.

Erst die späten 80er brachten weitaus düstere Joker-Figuren hervor. Es ist wohl kein Zufall, dass fast alle heutigen Großmeister (oder eigentlich schon: Altmeister) amerikanischer Comickunst sich am Joker abgearbeitet haben. Eine wesentliche Rolle spielt der Joker etwa in Frank Millers damals bahnbrechendem „The Dark Knight returns“, allerdings ohne jede Spur von witzig, sondern als Inbegriff eines Psychopathen – und zugleich als Geschöpf innerer Comiclogik. Wo es einen Batman gibt, da muss es auch einen Superschurken geben. Nur dass Millers Batman kein Kaugummisuperheld ist, sondern ein aufrichtig Besessener. In Millers Variante tötet Batman den Joker, um diesem Ausbund krimineller Unberechenbarkeit für immer ein Ende zu machen. Er macht damit, was ein klassischer Batman niemals gemacht hätte, er bekennt sich zur Lynchjustiz.

Mehr Empathie für die Persönlichkeit des Jokers hatte Alan Moore in „The Killing Joke“. Auch in dieser Geschichte rücken Batman und Joker eng aneinander, allerdings nicht als zwei Seiten eines comichaft überzeichneten Prinzips, sondern als psychopatische Brüder im Geiste. Moore lässt Batman anhand des Jokers die eigene Besessenheit erkennen. Doch ist der Joker in dieser Geschichte nicht nur Mittel zum Zweck, er erhält seine endgültige Hintergrundgeschichte (einst erfolgloser und auch privat frustrierter Entertainer, nach seinem entstellendem Unfall endgültig über den Kamm der Kausalität gehuscht, fürderhin also Zyniker aufgrund irreversiblem Werteverlust) und sein Motiv. Alan Moores Joker will nichts weiter als ausprobieren, wie weit man gehen kann. Wenn nichts einen Wert hat, wie weit kann man das treiben? Was geschieht, wenn alle Regeln gebrochen sind? Soweit kommt es aber nicht, denn wie stets gibt es in Batman das Prinzip des Guten. Aber gerade bei Alan Moore ist dieses Gute nur eine andere Form von Besessenheit. (Diese Geschichte haben wohl Christopher Nolan und auch Heath Ledger aufmerksam gelesen.)

In Grant Morrisons und Dave McKeans „Arkham Asylum“ (dt. Tag der Narren) hat der Joker die „Irrenanstalt“, das berühmte Arkham Asylum übernommen. Aber es ist nicht so sehr sein Wahnsinn, den „Batty“ in „Arkham Asylum“ ausbaden muss, sondern die Geschichte versucht sich generell als metaphysische Variation über den Wahnsinn. Dazu muss man anmerken, dass die Bücher und Morrison und McKean zu den visuell exaltiertesten Werken der Comickunst zählen (und obwohl die amerikanische Comickultur seither einige erzählerische Meisterwerk hervorgebracht hat, in visueller Hinsicht war man Ende der 80er Jahre doch verspielter).

Diese Entwicklung zeigt sich auch an der Figur des Jokers, deren cineastische Entsprechung im Grunde der psychopathische Serienkiller ist. „Arkham Asylum“, das im Grunde ein Spaziergang in abartigen Psychen visualisiert, entstand 1988. Aus demselben Jahr stammt „The Killing Joke“, „Dark Knight returns“ wiederum datiert aus 1986. Der große Boom der Serienkillerverkultung begann 1990 mit „Schweigen der Lämmer“ und fand seinen Höhepunkt 1995 in „Sieben“. Zum Vergleich dazu. Tim Burtons erste Batman Verfilmung lief 1989 und funktionierte zwar als typisches Tim Burton Gothic-Spektakel (allerdings mit nahezu unerträglichen 80er Jahre Schurkenvisagen und Requisiten), aber Nicholsons Joker ist nicht viel mehr als ein Comic-Kasperl. Das Potential der Figur wurde weder von Regisseur, noch vom Darsteller umgesetzt. Der Hannibal Lector von Anthony Hopkins war der Figur des Jokers Weise viel näher, denn auch Hannibal ist ein Zyniker ersten Ranges, er verachtet jedes gutbürgerliche Wertesystem (was ein Gutteil der Faszination dieser Figur ausmacht), er hat nur eben ein paar unappetitliche Angewohnheiten, etwa das Töten und Verspeisen von Menschen.

Dieser Aspekt wird bei Serienkillerfilmen gerne unter den Tisch gekehrt (siehe Kevin Spaceys bzw. John Does permanentes Grinsen in „Sieben“), um stattdessen die „Faszination des absolut Bösen“ in den Vordergrund zu rücken. Das ist zum Teil auch der schaurig-ungustiöse Kern der ganzen CSI-Filmchen, wobei hier allerdings ein trockener Methodenpragmatismus im Vordergrund steht, den man durchaus als gutbürgerliches Prinzip interpretieren könnte. Kein Fall, den nicht der Arm des Gesetzes (dank ausgefinkelter Technologie) zu lösen imstande ist. Die psychopathischen Schurken sind hier nicht viel mehr als Stichwortgeber, sie basteln das Rätsel, das die Ermittler in Folge lösen werden. Keine Spur mehr von Anarchie oder Zynismus, nur Arbeitsaufträge für Professionisten auf der richtigen Seite des Gesetzes. (Allerdings gibt es mittlerweile die TV-Serie „Dexter“, da liegen die Dinge auch nicht mehr ganz so bieder.)

Aber der Joker ist mehr als das, kann mehr als das sein. Der Joker steht für die Negation aller Werte, für ihn zählen, wie Christopher Nolan, sagt, keine Regeln. Der Joker ist in einem Kern subversiv, er symbolisiert die negativste, nihilistischste Komponente des Zynismus. Er zerstört ohne (nachvollziehbaren) Grund, er reißt jeden Grund mit sich ins Nichts der Wert(e)losigkeit. Und Nolans bzw. Ledgers Interpretation geht ziemlich genau in diese Richtung. Der Joker als zynischer „Rebel without a cause“, purer Wahnsinn ohne Methode (denn mit Methode wäre es etwa fundamentalistischer Wahnsinn), genau das macht den Joker offenbar „sexy“. Weil diese Welt (bzw. dieser gesellschaftliche Status Quo) als Irrsinn zwar nicht unbedingt korrekt interpretiert, aber zumindest spontan und intuitiv am treffendsten erfasst wurde, ist der Joker die zeitgemäße Protestfigur schlechthin. Sanfte Ironie, das ist was für Weicheier, der wahre Zyniker hingegen ist eher ein Psychopath. Oder gilt zumindest als solcher. Wer’s nicht glaubt, hier nochmal in Kürze ein wenig passende „Literatur“:

The Killing Joke : Alan Moore
The Dark Knight returns : Frank Miller
Arkham Asylum : Grant Morrison & Dave Mc Kean
The greatest Joker Stories ever told : Diverse

No Comments

Sorry, the comment form is closed at this time.