Fisch mit Schweinsmedaillons und Pudding!

mustard womanlipLaunige Parcours durch die Stilblüten und Idiotien des alltäglichen Mediengeschwafels bieten wir hier eher selten an (dafür gibt es hingebungsvollere Services, etwa Günter Traxlers immer wieder lesenswerter Blattsalat im „Standard“ oder der leider praktisch nicht mehr existierende österreich-blog), aber zum Jahresausklang soll es uns einmalig erlaubt sein, in ein, zwei groben Strichen das große Weltengemälde der daily news nachzumalen. 

Unlängst etwa publizierte der Rechnungshof die Spitzengehälter österreichischer Manager. Jedes halbwegs sozialkritisch gedrillte Schulmädchen weiß natürlich, dass sich in den letzten Jahrzehnten Spitzen- und Durchschnittsgehälter diametral zueinander entwickelt haben. Während die einen mittlerweile pro Monatsgehalt auch gleich die Schaufel mitgeliefert bekommen, mit der sie den ganzen Zaster auf ihre Fonds und sonstigen Wertanlagehäufchen umschaufeln können, müssen die anderen darum bangen, dass ihre Gehälter wenigstens mit der Euroflation Schritt halten können. Nein, das ist noch keine Pointe. Die Pointe waren die Kommentare in diversen Tageszeitungen. (War es Krone, Heute oder Österreich? Egal, mit diesen drei Blättern ist es fast wie mit den drei Musketieren: Eine wie Alle! Alle wie Eine!) Die zerkugelten sich nämlich über das mickrige Gehalt des Bundeskanzlers. Man kann sich das eigentlich nur als Sketch aus einem Nachkriegskabarett vorstellen: Die bei Wasser und Brot gehalten Insassen eines Gefängnisses müssen zu einer Inspektion im Gefängnishof antreten. Das Führungspersonal tritt vor die versammelten, abgemagerten Häftlinge, die haben aber nichts anderes im Kopf, als anhand der goldenen Armbanduhren der Führungscrew zu erraten, wer wohl am meisten verdient. Wo ist die Pointe daran, fragen Sie? Tja …

What shalls. Wir leben ja auch in Zeiten, wo kein Jahresrückblick den Umstand unerwähnt lassen darf, dass sich Britney Spears am 17. Februar 2007 ihre Haare abrasiert hat. Das sind Weltneuigkeiten! Oder wo es erwähnenswert ist, dass der Beruf der Freundin von Prinz William Accessoire-Einkäuferin ist. („Und, was machst du so?“ – „Ach, ich bin Accessoire-Einkäuferin.“ – „Donnerwetter! Was für ein interessanter Beruf.“ – „Wirklich? Komme ich jetzt in die Schlagzeilen?“ – „In die Schlagzeilen kommst du, Baby, weil du mit einem Typen schläfst, der zum britischen Königshaus gehört.“ – „Ach so…“) In der Zwischenzeit wird eine Politiker ermordet und der Demokratieprozess in einer der derzeit heikelsten Weltregionen zu Grabe getragen (schönes Detail auch hier übrigens: Krone-Schlagzeile: Ganz Pakistan in der Krise! Österreich-Schlagzeile: Die ganze Welt in der Krise! Prägnanter kann man den Stil-Unterschied zwischen den beiden Medienkatastrophen unseres Landes nicht auf den Punkt bringen. Während die „Krone“ die Krise dann doch lieber in Pakistan belässt (auch das übrigens ebenso Unter- wie Übertreibung, das Land steckt seit fast einem Jahr in ärgsten Turbulenzen, ohne Shocking-News hat es bloß niemand interessiert… höre ich da irgendjemand Arigona sagen?), weil es doch etwas beruhigendes hat, dass die da drüben, die Hinterwälder, die Zurückgebliebenen, die Fundamentalismusunterstützer in der Krise sind, während DIE Welt (die ja im Grunde wir sind, wir Europäer, oder präziser, wir Österreicher) keinerlei Krise haben, was ja stets ein Beleg unserer moralischen und zivilisatorischen Überlegenheit ist, über die man dann auch in jedem dritten Leitartikel der Krone lesen darf. In „Österreich“ hingegen gibt es ein derartig hinterfotziges Kalkül nicht, hier geht es nur noch um die Pornographie der Sensation, weswegen gleich die ganze Welt in der Krise ist. Die guten Fellnerbrüder würden auch Armageddon auf ihre Titelseite tapezieren, wenn sich der amerikanische Präsident beim Joggen das Knie aufschürfen würde.)

Was noch? Angelina Jolie küsst gerne den besten Freund ihres Ehemannes, der Innenminister ist für jene, die ihn kennen, ein sehr menschlicher Mensch, eine Hilfsorganisation entführt vermeintliche Waisenkinder, das Feuilleton wartet sehnsüchtig auf den neuen Roman Peter Handkes um ihn in der Luft zu zerreißen (schließlich steht ganz sicher etwas Kritisches über Medien und Journalisten drinnen, na mehr braucht er nicht), und wir alle fragen uns, ob es mit dem ORF 2008 endlich bergauf gehen wird, obwohl es uns eigentlich wurscht ist, denn am liebsten schauen wir amerikanischen TV-Ärzten beim intrigieren oder knutschen zu.

Kommt uns das alles absurd vor? Nein? Ist es auch nicht. Es ist das Ende von 2007 und es wird das ganze Jahr 2008 sein. Es ist wie täglich Fisch mit Schweinsmedaillons und Schlagobers und ein klein wenig Pudding obendrauf in sich reinstopfen. Du frisst den Dreck und weißt irgendwann nicht einmal mehr, dass es Dreck ist, denn im Grunde sind die Zutaten ja gut, ernährungstechnisch einwandfrei, ein Zeichen dafür, dass wir im Wohlstand gelandet sind und irgendetwas ja richtig gemacht haben müssen. Aber macht das alles Sinn? (Aber glaubt jetzt bloß nicht, wir geben darauf eine Antwort. Wir machen Euch nur den Hofnarren, wenn Ihr konstruktive Lösungsvorschläge wollt, überweist uns erst mal das Jahresgehalt eines ÖBB-Managers, dann sehen wir weiter…). cc

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